Gesundheit

eGFR berechnen: die CKD-EPI-2021-Formel erklärt (mit Rechenbeispiel)

7 Min. Lesezeit

Die eGFR (geschätzte glomeruläre Filtrationsrate) gibt an, wie viel Blut die Nieren pro Minute filtern, normiert auf eine Körperoberfläche von 1,73 m². Der Rechner auf dieser Seite nutzt dafür die CKD-EPI-2021-Gleichung, die aktuelle Standardformel aus Serumkreatinin, Alter und Geschlecht. Das Ergebnis wird automatisch einem von sechs KDIGO-Stadien zugeordnet, von G1 (normale oder hohe Funktion) bis G5 (Nierenversagen).

Wie die Formel im Detail rechnet, warum das Feld für die Ethnie verschwunden ist und wo die Zahl allein nicht ausreicht: darum geht es in diesem Artikel, mit einer vollständigen Beispielrechnung zum Nachvollziehen.

Was die Gleichung braucht, und warum keine Ethnie mehr abgefragt wird

Die Formel lautet:

eGFR = 142 × min(Scr/κ, 1)^α × max(Scr/κ, 1)^-1,200 × 0,9938^Alter × (1,012 bei Frauen)

Scr ist das Serumkreatinin in mg/dL. κ (Kappa) und α (Alpha) hängen vom Geschlecht ab: κ = 0,7 und α = -0,241 bei Frauen, κ = 0,9 und α = -0,302 bei Männern. Die min/max-Struktur ist kein Zufall: Der Zusammenhang zwischen Kreatinin und Filtrationsleistung verläuft nicht linear, deshalb rechnet die Gleichung unterhalb und oberhalb des geschlechtsspezifischen Schwellenwerts κ mit unterschiedlichen Exponenten. Alter und Geschlecht sind die einzigen weiteren Eingaben, mehr braucht die Formel nicht.

Frühere Versionen, die 2009er CKD-EPI-Gleichung und die ältere MDRD-Formel, multiplizierten das Ergebnis bei Schwarzen Patienten mit einem zusätzlichen Koeffizienten. Die Überarbeitung von 2021 durch die gemeinsame Arbeitsgruppe von NKF und ASN hat diesen Koeffizienten gestrichen, er gilt heute als klinisch nicht mehr gerechtfertigt und wird nicht mehr empfohlen. Das Ergebnis ist eine ethnienfreie Formel, die nur noch drei Größen braucht.

Geschlecht bleibt trotzdem im Spiel, aus einem anderen Grund als Ethnie: Frauen haben im Durchschnitt eine geringere Muskelmasse und produzieren dadurch bei gleicher Nierenfunktion weniger Kreatinin. κ, α und der Faktor 1,012 gleichen genau diesen Unterschied aus. Wie stark sich das auswirkt, zeigt ein direkter Vergleich: Bei 60 Jahren und einem Kreatinin von 1,1 mg/dL liefert die Formel für einen Mann eine eGFR von 76,9 mL/min/1,73m² (Stadium G2), für eine Frau mit denselben zwei anderen Werten dagegen nur 57,5 mL/min/1,73m² (Stadium G3a). Gleiches Kreatinin, gleiches Alter, ein ganzes Stadium Unterschied.

Beispielrechnung: 65 Jahre, Kreatinin 1,4 mg/dL

AlterKreatininGeschlechtErgebnis
65 Jahre1,4 mg/dLmännlich55,8 mL/min/1,73m² (Stadium G3a)

Mit 1,4 mg/dL liegt das Kreatinin oberhalb des Schwellenwerts κ = 0,9 für Männer, die Formel nutzt hier also den max-Term mit dem Exponenten -1,200. Das Ergebnis, 55,8 mL/min/1,73m², fällt in den Bereich 45 bis 59 und damit in Stadium G3a: leicht bis mäßig vermindert. Kein Notfall, aber ein Wert, der eine Kontrolle und eine Ursachensuche rechtfertigt.

Ein Punkt, der in deutschsprachigen Laborbefunden oft für Verwirrung sorgt: Kreatinin wird in Deutschland, Österreich und der Schweiz häufig in µmol/L angegeben, nicht in mg/dL. Die Umrechnung ist eine Division durch 88,4. Eine 55-jährige Frau mit 120 µmol/L Kreatinin entspricht etwa 1,36 mg/dL und ergibt eine eGFR von 46,1 mL/min/1,73m², ebenfalls Stadium G3a. Der Rechner unten hat dafür eine Einheitenumschaltung, sodass der Wert direkt vom Laborzettel übertragen werden kann, ohne von Hand umzurechnen.

Mit deinen eigenen Werten berechnen

Jahre
Geschätzte GFR
mL/min/1.73m²
Dieser Rechner dient nur als Bildungsreferenz. Er ersetzt weder das klinische Urteil noch einen validierten Laborbefund. Die CKD-EPI-2021-Formel verzichtet auf die ethnische Herkunft und setzt ein stabiles Serumkreatinin voraus; sie ist unzuverlässig bei akutem Nierenversagen, extremer Muskelmasse, in der Schwangerschaft und bei Kindern. Deuten Sie den Wert im gesamten klinischen Kontext.
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Die sechs KDIGO-Stadien

StadiumBereich (mL/min/1,73m²)Bedeutung
G1≥ 90Normale oder hohe Filtrationsleistung
G260 bis 89Leicht vermindert
G3a45 bis 59Leicht bis mäßig vermindert
G3b30 bis 44Mäßig bis stark vermindert
G415 bis 29Stark vermindert
G5< 15Nierenversagen

Die Einteilung stammt von KDIGO (Kidney Disease: Improving Global Outcomes) und ist der klinische Standard, unabhängig davon, mit welcher Formel die eGFR berechnet wurde.

Zur Einordnung zwei weitere Rechnungen an den Enden der Skala. Ein 40-jähriger Mann mit einem Kreatinin von 1,0 mg/dL landet bei 97,6 mL/min/1,73m², klar im Stadium G1, normale Funktion. Ein 72-jähriger Mann mit einem deutlich höheren Kreatinin von 3,5 mg/dL kommt dagegen nur auf 17,8 mL/min/1,73m², Stadium G4, stark vermindert. Zwischen diesen beiden Fällen liegt der gesamte klinisch relevante Bereich der Formel, von der unauffälligen Routinekontrolle bis zur Vorbereitung auf eine mögliche Dialyse oder Transplantation.

Grenzen und häufige Fehler

Die Formel setzt ein stabiles Kreatinin voraus, ein Fließgleichgewicht, in dem Produktion und Ausscheidung im Gleichgewicht stehen. Bei akutem Nierenversagen steigt das Kreatinin schneller, als die Formel abbilden kann, hier liefert sie einen zu hohen und damit falschen Wert.

Muskelmasse ist die zweite Fehlerquelle. Kreatinin entsteht beim Muskelstoffwechsel, deshalb überschätzt die Formel die Nierenfunktion bei sehr geringer Muskelmasse (etwa bei Kachexie oder Amputation) und unterschätzt sie bei sehr hoher Muskelmasse (Bodybuilder, Kraftsportler). In der Schwangerschaft verändert sich das Kreatininvolumen durch die erhöhte Plasmamenge, auch dort ist die Formel nicht zuverlässig. Bei Kindern gilt sie gar nicht, pädiatrische Schätzungen nutzen andere Gleichungen, etwa die Schwartz-Formel.

Diese vier Einschränkungen (akutes Geschehen, atypische Muskelmasse, Schwangerschaft, Kindesalter) teilen sich einen gemeinsamen Nenner: Sie alle verletzen die Grundannahme, dass Kreatinin allein über die Muskelmasse der erwachsenen Normalbevölkerung entsteht und im Fließgleichgewicht ausgeschieden wird. Trifft diese Annahme nicht zu, weicht die geschätzte Filtrationsrate von der tatsächlichen ab, teils deutlich. In solchen Fällen ziehen Ärztinnen und Ärzte andere Marker heran, etwa Cystatin C, oder eine direkt gemessene Clearance.

Der häufigste Fehler passiert nicht bei der Berechnung, sondern bei der Interpretation: Ein einzelner niedriger eGFR-Wert ist keine Diagnose einer chronischen Nierenerkrankung. KDIGO verlangt, dass die Abweichung, eine verminderte eGFR und/oder eine Albuminurie, länger als drei Monate anhält, bevor von CKD gesprochen wird. Die vollständige Einstufung berücksichtigt außerdem das Albumin-Kreatinin-Verhältnis im Urin (ACR), nicht nur die Filtrationsrate allein. Ein einmalig erhöhter Wert nach einer fiebrigen Erkrankung, starker sportlicher Belastung oder Dehydrierung sagt wenig, ohne eine Kontrolle im Abstand von einigen Wochen.

Häufig gestellte Fragen

Ist eine eGFR von 55 gefährlich?

Ein Wert von 55 mL/min/1,73m² entspricht Stadium G3a, leicht bis mäßig vermindert. Er ist kein akuter Notfall, aber ein Anlass für eine Kontrolle und die Suche nach der Ursache, etwa Bluthochdruck, Diabetes oder Medikamentenwirkungen. Erst bei anhaltend niedrigen Werten über mehr als drei Monate, kombiniert mit weiteren Befunden wie dem ACR, spricht man von einer chronischen Nierenerkrankung.

Warum steht im Rechner noch das Geschlecht, wenn die Ethnie entfernt wurde?

Beide Eingaben haben unterschiedliche Gründe. Der Ethnie-Koeffizient früherer Formeln beruhte auf einer pauschalen Annahme, die sich klinisch nicht halten ließ, und wurde deshalb 2021 gestrichen. Das Geschlecht bleibt, weil es einen messbaren, physiologisch begründeten Unterschied in der durchschnittlichen Muskelmasse und damit in der Kreatininproduktion abbildet, wie das Beispiel mit 76,9 gegenüber 57,5 mL/min/1,73m² oben zeigt.

Mg/dL oder µmol/L, macht das einen Unterschied im Ergebnis?

Nein, beide Einheiten messen dieselbe Konzentration, nur mit einem anderen Umrechnungsfaktor (Division durch 88,4 von µmol/L zu mg/dL). Wichtig ist nur, im Rechner die Einheit auszuwählen, die auf dem Laborbefund steht, sonst entsteht ein falsches Ergebnis um den Faktor 88,4.

Reicht ein einziger Bluttest, um eine Nierenerkrankung festzustellen?

Nein. KDIGO definiert eine chronische Nierenerkrankung erst, wenn eine verminderte eGFR oder eine erhöhte Albuminurie länger als drei Monate bestehen bleibt. Ein einzelner Wert kann durch akute Faktoren wie Infekt, Dehydrierung oder intensive körperliche Belastung verzerrt sein und muss durch eine zweite Messung im Abstand von mehreren Wochen bestätigt werden.

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