Glasgow Coma Scale: So funktioniert die Bewertung (E, V, M)
Die Glasgow Coma Scale (GCS) ist ein klinisches Bewertungssystem, das die Bewusstseinslage eines Patienten anhand von drei Reaktionen misst: Augenöffnung, verbale Reaktion und motorische Reaktion. Jede Komponente erhält einen eigenen Punktwert, die Summe ergibt den Gesamtwert von 3 bis 15. Je niedriger der Wert, desto stärker eingeschränkt ist das Bewusstsein.
Die drei Komponenten
Die GCS setzt sich aus drei unabhängig bewerteten Komponenten zusammen, üblicherweise als E, V und M abgekürzt.
Die Augenöffnung (E) reicht von 1 bis 4 Punkten: von keiner Reaktion bis zum spontanen Öffnen der Augen. Dazwischen liegen die Reaktion auf Ansprache und die Reaktion auf Schmerzreiz. Die verbale Reaktion (V) reicht von 1 bis 5 Punkten: von keiner Lautäußerung bis zu orientierter, klarer Sprache, mit Zwischenstufen für unverständliche Laute, unzusammenhängende Wörter und verwirrte, aber grammatisch zusammenhängende Sätze. Die motorische Reaktion (M) reicht von 1 bis 6 Punkten: von keiner Bewegung bis zum gezielten Befolgen von Aufforderungen, mit Zwischenstufen für Strecksynergismen, Beugesynergismen, Zurückziehen bei Schmerz und gezielte Abwehrbewegung gegen den Schmerzreiz.
Jede der drei Komponenten wird einzeln erhoben, meist durch verbale Ansprache und, falls nötig, durch einen gestuften Schmerzreiz. Der Gesamtwert ist einfach E + V + M, mit einem Minimum von 3 (jeweils 1 Punkt in allen drei Komponenten) und einem Maximum von 15 (E4 V5 M6, eine voll wache und orientierte Person). Einen Wert von 0 gibt es in diesem System nicht, selbst der schlechteste erhobene Zustand ergibt in jeder Komponente mindestens 1 Punkt.
Ein Rechenbeispiel
Ein Patient wird nach einem Sturz eingeliefert. Bei der Untersuchung öffnet er die Augen nicht von selbst, sondern erst nach einem Schmerzreiz. Seine Sprache ist vorhanden, aber verwirrt und desorientiert. Auf Schmerz reagiert er, indem er die betroffene Extremität zurückzieht.
| Komponente | Beobachtete Reaktion | Punkte |
|---|---|---|
| Augenöffnung (E) | Öffnet die Augen nur auf Schmerzreiz | 2 |
| Verbale Reaktion (V) | Spricht, aber verwirrt und desorientiert | 4 |
| Motorische Reaktion (M) | Zieht die Extremität bei Schmerz zurück | 4 |
Der Gesamtwert ergibt sich aus E2 + V4 + M4 = 10 Punkten. Das liegt im mittelschweren Bereich, dazu gleich mehr.
Berechnen Sie es mit Ihren Werten
Wählen Sie in jeder Kategorie eine Reaktion.
Die drei Schweregrade
Der Gesamtwert der GCS wird in drei Bereiche eingeteilt, die den Schweregrad einer Bewusstseinsstörung beschreiben.
| GCS-Gesamtwert | Schweregrad |
|---|---|
| 13-15 | Leichtes Schädel-Hirn-Trauma |
| 9-12 | Mittelschweres Schädel-Hirn-Trauma |
| 3-8 | Schweres Schädel-Hirn-Trauma |
Ein GCS-Wert von 8 oder darunter ist eine weit verbreitete klinische Schwelle, ab der eine Sicherung der Atemwege, etwa durch Intubation, in Betracht gezogen wird. Die Begründung dahinter ist, dass bei so niedrigen Werten die Schutzreflexe der Atemwege häufig nicht mehr zuverlässig funktionieren. Das Beispiel oben mit einem Gesamtwert von 10 liegt im mittelschweren Bereich, deutlich über dieser Schwelle, aber noch klar unterhalb des leichten Bereichs.
Wichtig ist, dass diese drei Bereiche eine grobe Einordnung liefern, keine feste Prognose. Ein Patient mit GCS 9 und ein Patient mit GCS 12 fallen beide in den mittelschweren Bereich, ihr klinischer Zustand kann sich trotzdem deutlich unterscheiden. Die Einteilung dient in erster Linie der schnellen Kommunikation zwischen Behandelnden und der Entscheidung über die Dringlichkeit weiterer Maßnahmen.
Wenn nicht alles getestet werden kann
Nicht jede Komponente lässt sich immer beurteilen. Ein Patient wird nach einem Motorradunfall intubiert eingeliefert. Seine Augen sind durch ein periorbitales Ödem zugeschwollen, eine Augenöffnung lässt sich also nicht wirklich prüfen. Wegen des liegenden Endotrachealtubus kann auch keine verbale Reaktion erhoben werden. Die motorische Reaktion ist dagegen eindeutig zu beobachten: Der Patient zieht die Extremität bei Schmerz zurück, also M4.
Für die nicht testbaren Komponenten wird nicht einfach der niedrigste Wert von 1 vergeben, denn das würde einen Zustand ohne jede Reaktion suggerieren, der hier gar nicht vorliegt. Stattdessen dokumentieren Kliniker den Grund mit einem Modifikator: “c” für “closed” (geschlossen, wegen des Ödems) bei der Augenöffnung und “T” für “tube” bei der verbalen Reaktion. Der Befund würde etwa als “E1c VT M4” notiert. Wie einzelne Einrichtungen einen numerischen Gesamtwert bilden, wenn eine Komponente nicht testbar ist, wird unterschiedlich gehandhabt. Die sicherste Praxis ist deshalb, genau zu dokumentieren, welche Komponente nicht beurteilt werden konnte und warum, statt eine Zahl zu erzwingen, die eine falsche Genauigkeit vortäuscht.
Pädiatrische GCS und AVPU
Die klassische GCS wurde für Erwachsene und ältere Kinder entwickelt, für Säuglinge und Kleinkinder gibt es eine modifizierte pädiatrische Glasgow Coma Scale mit angepassten verbalen Kriterien, da diese Altersgruppe noch nicht in vollständigen Sätzen spricht. Wer einen Säugling beurteilt, sollte also nicht die Erwachsenenkriterien für die verbale Komponente heranziehen.
Daneben existiert AVPU (Alert, Voice, Pain, Unresponsive) als einfachere und schnellere Skala, die im Rettungsdienst oder bei der Ersteinschätzung genutzt wird, wenn eine vollständige GCS-Erhebung nicht praktikabel ist, etwa in den ersten Sekunden am Unfallort. AVPU deckt sich grob mit bestimmten GCS-Bereichen, eine exakte Umrechnung zwischen beiden Systemen gibt es aber nicht, und sobald es die Situation zulässt, wird die vollständige GCS erhoben, weil sie deutlich mehr Differenzierung bietet.
Häufige Fehler bei der Anwendung
Eine nicht testbare Komponente einfach mit dem Minimalwert 1 zu bewerten, statt sie mit den Modifikatoren c oder T zu kennzeichnen, ist einer der häufigsten Fehler. Das verzerrt den Gesamtwert nach unten und kann einen Patienten schlechter erscheinen lassen, als er ist.
Ein weiterer Fehler ist, die GCS als Diagnose statt als Beschreibung der aktuellen Bewusstseinslage zu behandeln. Die Skala sagt nichts über die Ursache einer Bewusstseinsstörung aus, sie beschreibt nur den beobachteten Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt.
Häufig wird auch vergessen, die einzelne E-V-M-Aufschlüsselung neben dem Gesamtwert zu dokumentieren. Zwei Patienten können denselben Gesamtwert von zum Beispiel 10 haben und trotzdem ein sehr unterschiedliches klinisches Bild zeigen, je nachdem, welche Komponente den Wert nach unten zieht. Ohne die Aufschlüsselung geht diese Information verloren.
Schließlich wird die GCS gelegentlich mit AVPU oder mit der Pupillenbeurteilung verwechselt. Die separate “GCS-P” zieht zusätzlich einen Pupillenreaktivitäts-Score vom GCS-Gesamtwert ab, um bei Schädel-Hirn-Trauma eine prognostische Einschätzung zu unterstützen, das ist aber ein eigenes, ergänzendes Instrument und nicht Teil der klassischen GCS-Berechnung.
Was bedeutet ein GCS-Wert von 15?
Ein GCS-Wert von 15 ist der höchstmögliche Wert und entspricht E4 V5 M6: eine Person, die spontan die Augen öffnet, orientiert spricht und Aufforderungen gezielt befolgt.
Was bedeutet ein GCS-Wert von 3?
Ein GCS-Wert von 3 ist der niedrigstmögliche Wert der Skala. Er ergibt sich, wenn in allen drei Komponenten jeweils nur 1 Punkt erreicht wird, also keine Augenöffnung, keine verbale Reaktion und keine motorische Reaktion beobachtet wird.
Warum wird die GCS in drei Zahlen und nicht nur als Summe angegeben?
Weil die Summe allein Informationen verdeckt. Zwei Patienten mit demselben Gesamtwert können völlig unterschiedliche Ausfälle haben, je nachdem, ob die Einschränkung eher bei der Augenöffnung, der Sprache oder der Motorik liegt. Die Dokumentation der einzelnen E-V-M-Werte neben dem Gesamtwert ist deshalb Standard.
Ist die GCS für Kinder geeignet?
Für ältere Kinder und Erwachsene ja. Für Säuglinge und Kleinkinder wird die modifizierte pädiatrische Glasgow Coma Scale verwendet, die bei der verbalen Komponente altersgerechte Kriterien statt vollständiger Sätze berücksichtigt.
Was bedeutet der Zusatz “T” bei einem GCS-Wert?
Der Modifikator “T” (für “tube”) kennzeichnet, dass die verbale Reaktion wegen eines liegenden Endotrachealtubus nicht beurteilt werden konnte. Er wird verwendet, statt die Komponente fälschlich mit dem Minimalwert zu bewerten, da Einrichtungen den resultierenden Gesamtwert unterschiedlich handhaben, ist eine klare Dokumentation der Ursache wichtiger als eine erzwungene Zahl.